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Klimaforscher Ben Marzeion schaut direkt in die Kamera
Blog | April 2020

Interview mit Klimaforscher Ben Marzeion - Teil 2

Wir haben die Technologien, um das Problem der Erderwärmung zu lösen aber der Wille fehlt noch - Teil 2

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sonnen GmbH
Content Team

Ben Marzeion ist Klimaforscher an der Uni Bremen und arbeitet außerdem für den Weltklimarat IPCC. Seit März ist er Teil der sonnenCommunity und versorgt sein Haus mit selbst erzeugter, sauberer Energie. Wir sprachen mit ihm über den aktuellen Stand der Klimaforschung, welche Möglichkeiten jeder selbst hat, wo die Grenzen des Einzelnen sind und wie sich die Erderwärmung begrenzen lässt.

Herr Marzeion, im 1. Teil unseres Interviews haben wir über die Probleme des Klimawandels gesprochen. Welche Maßnahmen sind denn entscheidend, um das Problem zu lösen?

Die Umstellung des Energiesystems auf erneuerbare Energien ist hier ganz klar der Schlüssel. Ich denke auch, dass es ein politisches und kein technologisches Problem ist, das zu lösen ist. Die Menschen sind sehr erfinderisch, das hat sich allein in den letzten 150 Jahren ganz klar gezeigt. Den Großteil der Technologie die wir dafür brauchen, haben wir heute schon. Es geht darum, den technologischen Wandel auch voranzutreiben oder ihn zumindest erstmal zu akzeptieren. Ich denke, wenn man das mit dem richtigen Einsatz macht, kann das auch sehr schnell gehen.

Der Wandel in der Informationstechnologie ist da ein ganz gutes Beispiel. Wer hätte vor 20 oder 30 Jahren gedacht, dass die Welt heute so aussieht wie sie ist? Da hat eine technologische Revolution stattgefunden, die alles auf den Kopf gestellt hat. Und so was brauchen wir jetzt auch in unseren Energiesystemen. Das ist möglich, man muss es nur wollen, man muss die richtigen Anreize setzen, man muss die politische Akzeptanz schaffen und man muss der Bevölkerung erklären, dass das nicht völlig ohne Kosten geht. Aber auch, dass es sich lohnt.  

Schließen sich Wachstum und Klimaschutz aus ihrer Sicht aus oder ergänzt sich das?

Nein, das schließt sich überhaupt nicht aus, es bedingt sich sogar gegenseitig: Mit entsprechendem Wachstum kann in zukunftsfähige Technologien investiert werden, die durch eine breite Anwendung dann immer günstiger werden. Man kann mit ökonomischen Modellen zeigen, dass es wirklich wirtschaftlich sinnvoll ist, etwas gegen den Klimawandel zu machen. Es kostet natürlich Geld, in neue Technologien zu investieren aber es kostet auch Geld nichts zu tun. Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung hat vor kurzem eine Publikation herausgebracht, nach der es ökonomisch am sinnvollsten ist, das Ziel aus dem Pariser Klimaabkommen anzupeilen, also die Erwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten. Wenn wir uns mehr Zeit lassen, dann werden die technologischen Kosten niedriger aber dann sind die Kosten des Klimawandels höher. Ökonomisch am sinnvollsten ist tatsächlich dieser Korridor zwischen 1,5 und 2 Grad Erwärmung.  

Manche Leute werden ja auch fatalistisch und sagen, was bringt es denn global, wenn ich CO2 einspare. Wie reagieren Sie da?

Wenn 7 Milliarden Menschen das gleiche sagen, dann wird auch nichts passieren. Aber ich finde es auch nicht gut, die Verantwortung ausschließlich auf den einzelnen Menschen zu legen. Es ist wichtig, dass man sein eigenes Leben überdenkt und überlegt, was kann ich machen? Gleichzeitig ist es in unserer Gesellschaft nahezu unmöglich, klimaneutral zu leben. Selbst wenn man mit dem Fahrrad zum Bauernhof um die Ecke fährt, ist auch das Fahrrad irgendwo produziert worden, die Rohstoffe kommen irgendwo her, es ist transportiert worden. Wenn man versucht komplett klimaneutral zu leben kann man eigentlich nur ein schlechtes Gewissen kriegen, weil man es einfach nicht hinkriegt.

Ich kann auch verstehen, dass die Diskussion bei manchen Menschen eine Abwehrreaktion hervorrufen kann. Wenn ich mich im Supermarkt entscheiden soll, welches Produkt klimafreundlich ist, kann ich es im Prinzip nur falsch machen. Das ist das Problem, wenn der Fokus zu sehr auf die individuellen Entscheidungen gelegt wird. Es ist gut aber es reicht nicht, wenn wir uns als einzelne Menschen optimal verhalten. Es braucht eben auch die großen, strukturellen Veränderungen. Und das geht nur mit der Politik.

Wir brauchen neben der individuellen also auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortungsübernahme, also dass man die großen Strukturen so ändert, dass es überhaupt möglich ist, klimaneutral zu leben.  

Was kann denn der Einzelne sinnvollerweise unternehmen?

Das kommt sehr auf den eigenen Lebensstil an. Wer viel reist und unterwegs ist, hat den größten Hebel genau dort. Wenn man auf einen Langstreckenflug verzichtet, dann hat man schon ein paar Tonnen CO2 eingespart. Wenn man nicht viel reist, hat man möglicherweise andere Hebel, an denen man ansetzen kann. Was jeder leicht machen kann, ist den Fleischkonsum zu überdenken und zu reduzieren. Dieser Hebel ist überraschend groß.

Es kommt auch darauf an, wo man selbst die Entscheidungen treffen kann. Jemand mit einem Eigenheim kann sich über die Energieversorgung des Hauses Gedanken machen. Jemand der zur Miete wohnt, hat diesen Hebel möglicherweise nicht.  

Nimmt ihr Umfeld den Klimawandel anders wahr, als vielleicht noch vor ein paar Jahren?

Mein persönliches Umfeld ist natürlich davon geprägt, dass ich mich dazu äußere. Es ist aber klar, dass das in der Öffentlichkeit in den letzten zwei, drei Jahren ganz anders wahrgenommen und diskutiert wird, als vor 5 oder 10 Jahren. Das Thema ist mittlerweile im Mainstream angekommen. Das haben wir ehrlicherweise nicht unbedingt uns Wissenschaftlern zu verdanken - was vielleicht auch nicht so ganz unsere Rolle ist - sondern das haben wir Fridays for Future zu verdanken. Die haben es geschafft, das tatsächlich in die Öffentlichkeit zu tragen.  

Was machen Sie selbst?

Ich versuche den CO2-Ausstoß zu minimieren, wo es halt geht. Die elektrische Energieversorgung unseres Hauses basiert seit ein paar Tagen hauptsächlich auf Photovoltaik. Als Wissenschaftler reist man leider auch viel mehr, als es klimaverträglich wäre. Aber auch hier versuche ich das zu reduzieren. Wir haben inzwischen sehr viele Videokonferenzen, die das Reisen ersetzen. Manche Reisen sind aber auch nötig und sinnvoll. Da nutze ich jetzt Kompensationsmöglichkeiten. Und in meiner Rolle als Wissenschaftler sehe ich meine Aufgabe in der Aufklärung, also mich mit Leuten zu unterhalten oder Interviews wie dieses zu geben. Und zu erklären, was die Folgen unterschiedlicher Handlungen sind. Wir haben ja verschiedene Optionen mit unterschiedlichen Folgen für das Klimasystem.  

Haben Sie Hoffnung, dass wir die Klimaziele schaffen?

Das schwankt ein bisschen von Tag zu Tag. Ich bin überzeugt, dass wir das schaffen können. Ich bin aber nicht so überzeugt, dass der politische Wille da ist. Das wird sich innerhalb der nächsten Jahre klären. Wir Wissenschaftler sagen schon lange, dass es 5 vor 12 ist, inzwischen ist aber eher 12 Uhr. Es geht also wirklich darum, das jetzt zu machen. In 5 Jahren wissen wir, ob wir es schaffen oder nicht, weil dann die Entscheidung gefallen ist.

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews mit Ben Marzeion.  

Hinweis: Der Interview-Partner hat keinerlei Vergütung oder Vorteile von sonnen erhalten. Die hier dargestellten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der sonnen GmbH.